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Erinnerungsarbeit mit Zeitzeugen der Vertreibung

Wenn Menschen von ihren Erlebnissen bei der Vertreibung berichten, dann verändert sich die Sinnrichtung  solcher Sätze wie „Man kann es sich nicht vorstellen, was da passiert ist.“,  „Ich bin der Geschichte dankbar, in diese Zeit hineingeboren zu sein und die Entwicklung unseres wirtschaftlichen Wohlergehens miterlebt zu haben.“ oder „Wir können glücklich sein für 70 Jahre Frieden.“ Das war für den Landtagsabgeordneten Volker Bauer ein guter Grund, jungen Menschen seit 25 Jahren mit seiner Erinnerungsarbeit diese persönliche Erfahrung  mit Zeitzeugen zu ermöglichen. Deshalb initiierte er in Zusammenarbeit mit Geschichtslehrerin Ulrike Strinitz für die Abschlussklassen der Wirtschaftsschule sowie für zwei Klassen der Berufsschule eine Begegnung mit vier Zeitzeugen aus Schwabach und aus dem Landkreis Roth. Dafür gewann er  Willi Gebert  und Manfred  Baumgartl aus Schwabach, um von jener Zeit zusammen mit  Eugen Staud aus Büchenbach  und Hans Berthold aus Rednitzhembach zu berichten, als sie alle noch Kinder waren. Zunächst erläuterte Manfred Baumgartl den Jugendlichen ausführlich die geographischen und historischen Hintergründe, die ursprünglich  zur Besiedlung der Deutschen im einstigen Böhmen, dem späteren Sudetenland, geführt hätten und die politischen Veränderungen, die dazu führten, dass die nationalistischen Strömungen in der tschechischen Politik die deutsche Bevölkerung 1945 hinausdrängten. Beispielhaft erzählte dann Willi Gebert, der wie Manfred Baumgartl aus dem Sudetenland stammte, wie es seiner Familie ergangen war, als sie ihre Heimat Schönwald im Kreis Tachau verlassen musste.  Es sei ein Ort mit etwa 600 Einwohnern und wenigen Tschechen gewesen, erklärte Willi Gebert:  „Eines Tages brachte der Gemeindediener die schreckliche Nachricht, dass wir unsere Wohnung mit 50 kg Gepäck pro Person innerhalb kürzester Zeit verlassen müssten und uns am Dorfplatz einzufinden hätten. Noch in der Nacht mussten wir zusammenpacken. Wir durften nur das Nötigste mitnehmen. Am nächsten Tag wurden wir auf Leiterwagen der Bauern verladen und in die ehemalige Tabakfabrik nach Tachau gebracht, die als Durchgangslager diente. Dort wurde uns auch noch alles Wertvolle abgenommen.  Nach etwa einer Woche wurden wir nachts um 24 Uhr in Vieh- und Güterwaggons verladen. Damit gehörten wir zum ersten Vertriebenentransport. Wir Kinder schauten durch die Ritz und sahen viele tausend weiße Armbinden, die in der Tschechei von den Deutschen getragen werden mussten und dann aber auf der Fahrt weggeworfen wurden.“  Die Fahrt verlief über Eger, Wiesau in Oberfranken und Nürnberg bis nach Schwabach, wo Willi Gebert mit seiner Familie im Lager Vogelherd vier bis fünf Tage verblieb, ehe sie weiter nach Eichstätt verbracht und im Dorf Nassenfels  einquartiert  wurden. Er berichtete, dass er sich dort ein Fahrrad aus Einzelteilen zusammengebaut habe und erst dort für ihn die Schule wieder begonnen habe nach gut eineinhalb Jahren Pause. Doch nicht nur die Kinder der Vertriebenen hatten in der Kriegszeit und am Ende des 2. Weltkriegs zu leiden, sondern auch die der Einheimischen. Deshalb ließ Volker Bauer, der diese Begegnungsstunde moderierte,  Hans Berthold aus Rednitzhembach und Eugen Staud aus Büchenbach von ihren Eindrücken als „junge Einheimische“ erzählen.  Dabei erfuhren die Schülerinnen und Schüler, dass Hans Bertold  bei den Luftangriffen in der Nacht aus dem Bett herausgerissen wurde und die Familie im Keller auf den Kartoffeln sitzend, die Angriffe abgewartet hätten. Einfach sei die Situation in der Nachkriegszeit nicht gewesen. So seien bei seiner fünf-köpfigen Familie  noch weitere 17 Personen untergebracht gewesen. Für alle 22 Personen aber habe es nur einen  Pumpbrunnen gegeben.  Vor den Tieffliegern habe er als Junge und auch sein Vater immer sehr Angst gehabt, erzählte Hans Berthold. Von daher sei er sehr froh gewesen, als die Amerikaner ins Dorf gekommen seien, da habe man gewusst, der Krieg ist vorbei. Dennoch seien  alle Brücken und Straßen zerstört gewesen und in Büchenbach habe es nur vier Telefone  gegeben, aber eine Menge an ausgebombten Menschen, die untergebracht werden mussten. Vor den Amerikanern hatte sich auch Eugen Staudt nicht gefürchtet: „Die Amerikaner kamen von Schwabach und machten aus den Panzersperren Kleinholz. Erstmals sah ich in meinem Leben dunkelhäutige Menschen. Sie verteilten an uns Kinder Kaugummis und Schokolade. „Sie waren zu uns Kindern immer sehr freundlich.“ Allerdings so mancher Hausbesitzer musste sein Wohnhaus für die amerikanischen Soldaten räumen und in der Scheune schlafen.“  Auch wenn es zur damaligen Zeit wenig an Luxus und an Nahrungsmittel gegeben hatte, so habe man sich doch zu helfen gewusst, um nicht hungern zu müssen.  Gegen Ende dieser anschaulichen Erzählungen über das nicht leichte und oft auch mühevolle, ärmliche Leben in der neuen Umgebung,wollten die Jugendlichen doch noch kritisch wissen, ob sich die Eltern nicht gegen das politische Regime bzw. den Krieg gestellt hätten. Die Antwort der vier Zeitzeugen war eindeutig: „Wir sind nicht gefragt worden! Wer mitgeschwommen ist, dem ist nichts passiert. Ansonsten wäre man ins KZ gekommen. Und diejenigen, die dort waren, haben geschwiegen. Da wusste man schon Bescheid, lieber nichts zu fragen und zu sagen.“  Schließlich  richtete Manfred Baumgartl noch einen eindringlichen leidenschaftlichen Appell an die aufmerksamen Schülerinnen und Schüler: „Nehmt euch das zu Herzen: Nutzt alle Chancen, die euch geboten werden! Wir hatten damals als Kinder nichts, nur das, was wir gelernt hatten, was unsere Mutter uns beigebracht hatte. Lasst keinen Hass und keinen Neid gegenüber den anderen Menschen zu! Seid tolerant!  Denn das deutsche Volk will mit den anderen Völkern in Frieden und Freiheit leben.“  Dem war nun nichts mehr hinzuzufügen.

(T+B: U. Kaiser-Biburger)

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